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Reichenbacher Persönlichkeiten

Professor Joseph Marquart

Geistlicher Rat Erwin Voith

Wohl der bedeutendste Sohn der Gemeinde Reichenbach a. H. ist Joseph Marquart, der sich ab 1923 Markwart nannte. Er ist am 9. Dezember 1864 als ältester Sohn des Anton Marquart, Bauer in Reichenbach, und der Maria Magdalena Gaukel vonObernheim in Reichenbach a. H. geboren.
Er wurde auch „Seidenbua" genannt.
Nach vollendetem Theologiestudium trat er für kurze Zeit in das Priesterseminar in Rottenburg ein. Marquart studierte dann orientalische Sprachen. Sein Vater ließ ihn den Berufswechsel hart fühlen. Zwei seiner Brüder wählten den geistlichen Beruf.
Sein Bruder David wurde Diözesangeistlicher und war später Pfarrer in Bihlafingen,
Oberamt Laupheim. Sein Bruder Jakob ging ins Kloster nach Steyl und wirkte als Missionar in China.

Joseph Marquart starb am 4. Februar 1930 in Lichterfelde-Berlin im 67. Lebensjahr infolge eines Unglücksfalles. Er war und blieb ein echter Sohn seiner württembergi­schen Heimat, die er nie verleugnete. Nach umfassenden Vorstudien hatte er sich als Spezialgebiet die Erforschung des Armenischen und des Persischen gewählt. Für diese beiden Fächer erhielt er dann auch die ehrenvolle Berufung an die Berliner Universität als ordentlicher Professor.
Sein umfangreiches Wissen ging aber weit
über diese beiden Gebiete hinaus.
Dies bestätigte der Dekan der Philosophischen Fakultät bei der Trauerfeier im Hause des Verstorbenen vor seiner Überführung nach Bihlafingen, wo Professor Marquart in der Pfarrei seines Bruders seine letzte Ruhestätte fand. Professor Marquart sprach fast alle asiatischen Sprachen und ging in seinen Forschungen den vielfachen Verknotungen
dieser Sprachen nach. Auf sei­
nem Spezialgebiet, dem Armenischen und Altpersischen, war er so bewandert, daß selbst Angehörige dieser Länder ihre Söhne nach Berlin schickten, um bei Marquart die Kultur- und Literaturgeschichte ihres eigenen Volkes zu erlernen.
Wenn Profes­
sor Marquart in seinen jüngeren Jahren auf religiös-kirchlichem Gebiet seine eige­nen Wege ging, so fand er doch bald auf Grund seiner umfassenden Kenntnisse in der Religionsgeschichte und der Entwicklung der Völker wieder zurück zu den Wahrheiten der katholischen Lehre und starb als treuer Sohn seiner Kirche. Viel­leicht waren auch seine guten Beziehungen zum päpstlichen Bibelinstitut in Rom auf diesem Wege dienlich.
Vielleicht war das auch der Grund dafür, daß die reichhal­
tige fachwissenschaftliche Bibliothek des verstorbenen Professors auf Veranlassung und durch die Vermittlung des H. H. Paters Professor Dr. Giuseppe Messina SJ, des Bibliothekars am päpstlichen Institut in Rom, am 6. Juni 1930 diesem Institut über­geben wurde.

Der hinterlassene Bücherschatz gewährt einen überraschenden Einblick in die stau­nenswerte, ungeheure Vielseitigkeit dieses bescheidenen Berliner Gelehrten. Sein Hauptgebiet waren Orientalia, die Erforschung der Entwicklung und inneren Zusammenhänge der morgenländischen Sprachen, wie auch die orientalische Erdkunde und Länder- und Völkergeschichte sowie Religionsgeschichte. Man wird sich aber gewiß wundern, wenn rund 70 Sprachen, meist orientalische, von denen eine große Zahl völlig fremd klingen, in dieser reichhaltigen erlesenen Bibliothek vertre­ten sind.

Von den europäischen Sprachen sind vertreten: Albanisch, Baskisch-Hannitisch, Finnisch-ugrisch, Gothisch, Keltisch, Polnisch, Russisch, Rumänisch. Asiatische Sprachen: Afghanisch, Afromankurdisch, Alaradisch, Arabisch, Aramäisch, Arme­nisch, Assyrisch-babylonisch, Awesta, Chamir, Chinesisch, Georgisch-grusinisch, Hebräisch, Kurdisch, Osmanisch-türkisch, Ossetisch, Ostjakisch, Pastho, Pahlevi, Persisch, (Alt-, Mittel- und Neupersisch), Sanskrit, Sogdisch, Sumerisch, Syrisch. Afrikanische Sprachen: Afar, Amharisch-abessinisch, Arabisch-ägyptisch, Äthio­pisch, Bai, Bdange-Berberisch, Bilin - Urbantu - Dschäbärti (Dialekte),
Ehwe, Ful,
Fulbe, Harari, Kaffa (Abessinien), Kumana, Kussass (Nord-Ost-Afrika), Nuba, Zarma - Sanar (Nord-Ost-Afrika). Dazu kommen die übrigen europäischen Spra­chen.

Wie und wie unermüdlich Professor Marquart wissenschaftlich produktiv tätig war, zeigte außer seinen vielen gedruckten Aufsätzen und Büchern die große Zahl wert­voller Manuskripte, die sich in seinem schriftlichen Nachlaß gefunden haben, von denen inzwischen einige im Druck erschienen sind. Andere allerdings bedürfen noch der Ergänzung, wieder andere auch einer genauen Fassung oder Überarbeitung, wie es bei dem unerwartet raschen Hinscheiden des Professors leicht begreiflich ist. Auch der allergrößte Teil
der Manuskripte wanderte nach Rom, wo sie noch der Drucklegung harren.

Für die Überlassung des geistigen Nachlasses des Professors Marquart bedankte sich der päpstliche Kardinalstaatssekretär Eugenio Pacelli, der nachmalige Papst Pius XII., in einem Handschreiben an die Angehörigen des verstorbenen Gelehrten. Darin teilte er mit, daß der Heilige Vater von der Überleitung des wissenschaftlichen Nachlasses des hochgeschätzten Iranisten Professor Dr. Joseph Marquart an das Pontificium Institutum Biblicum mit besonderer Genugtuung Kenntnis genommen habe und der ganzen Familie, besonders der Tochter Irmgard, von Herzen den päpstlichen Segen spende. 


  Schwarzwälder Bote – Freitag, den 21.07.2000

In Reichenbach galt Markwart als Ketzer

Berühmtester Sohn der Heuberggemeinde aus dem Priesterseminar geflogen / 68 Sprachen

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Von Gerold Spreng

Reichenbach a,H, Auch der dritte Vortrag in der Reihe »Berühmte Heuberger Persönlichkeiten« erwies sich am Mittwoch­abend als Publikumserfolg. Im vollbesetzten Bürgersaal zeichnete die ehemalige Urwaldärztin Dr. Margret Marquart, Böttingen, ein Lebensbild Ihres Onkels, Professor Joseph Markwart (1864-1930), dem bisher bedeutendsten Sohn der Gemeinde Reichenbach.

Der ordentliche Professor an der Universität Berlin war ein ungeheuer vielseitiger Wissenschaftler. Seine Hauptgebiete waren Orientalia, die Erforschung der Entwicklung und inneren Zusammen­hänge der rnorgenländischen Sprachen, dazu orientalische Geographie, Länder- und Völkergeschichte sowie Religionsgeschichte. Der Professor, der wissenschaftlich überaus produktiv war, war ein wah­res Sprachgenie, sprach und schrieb er doch nicht weniger als 68 Sprachen.

Seine hinterlassenen wissenschaftli­chen Schriften und seine umfangreiche Bibliothek gingen nach seinem Tode ins Pontificium Institutum Biblicum (päpstli­ches Bibelinstitut) nach Rom und damit in den Besitz des Vatikans, Schüler aus vielen Ländern, darunter viele Jesuiten, saßen In Berlin bei ihm im Hörsaal. Sein erster Schüler und Lieblingsschüler zu­gleich war der aus Riedböhringen stammende Kurienkardinal Bea, sein letzter war Pater Giuseppe Messina SJ, Professor am päpstlichen Bibelinstitut.

Joseph Markwart (so nannte er sich - beseelt vom damals wieder erwachten völ­kischen Geist ab 1923) wurde am 9. De­zember 1864 als Ältester Sohn des Land­wirts Anton Marquart und der Maria Magdalena Gaukel von Obernheim in Reichenbach geboren. Mit zwölf Jahren kam Joseph ins  Martinihaus nach Rottenburg, dann besuchte er das Gymnasium in Rottweil. Schon in Rottenburg lernte er Chinesisch und befasste sich mit den chinesischen Dynastien, später in Rottweil lernte er babylonische und assyrische Keilschriften.

Nach dem Abitur studierte er in Tübingen Theologie und nebenher arabische, syrische, griechische und römische Ge­schichte, Er trat 1889 ins Priesterseminar in Rottenburg ein und hatte dort sein Schlüsselerlebnis. Von freiheitlichem Denken beseelt, stimmte er dem von der Kirche vertretenen Monogenismus (die kirchliche Lehre führt die gesamte Menschheit biologisch und damit auch heilsgeschichtlich auf Adam und Eva zu­rück) nicht zu und flog prompt aus dem Priesterseminar.

In Reichenbach galt er als Ketzer, Abtrünniger und Verräter, und seine Eltern wurden verhöhnt und verspottet. Das ist wohl auch der wahre Grund, warum Jo­seph Markwart nicht in Reichenbach seine letzte Ruhe fand, sondern in Bihlafingen wo seine Brüder David und Jakob nacheinander als Pfarrer wirkten und wo Markwarts einzige Tochter Irmgard - die Mutter starb kurz nach der Geburt - auf­wuchs und lebte.

Nach seinem Rausschmiss studierte Jo­seph orientalische Sprachen, wurde in Bonn wissenschaftlicher Sekretär von Professor Eugen Prym, promovierte 1892 in Tübingen, wirkte dann am ethnologischen Museum in Leiden / Holland, habilitierte, wurde 1910 an der Unjversität in Leiden Adjutor für mittelasiatische Sprachen und folgte dann 1912 einem Ruf an die Uni in Berlin als Professor für irani­sche und armenische Philologie, In Berlin-Lichterfelde starb er am 4. Februar 1930 an den Folgen eines Unglücksfalles.

Sein letzter Schüler Professor Guiseppe Messina SJ bezeichnet Joseph Marfkwart als edlen, aufrichtigen und opferbereiten Menschen mit einer ungemein tiefen und ausgedehnten Gelehrsamkeit (ein gescheites Haus nennt ihn die Nichte Dr. Marquart). Man finde in ihm den Linguisten, Philologen,. Historiker, Geogra­phen, Ethnologen,, Epigraphen und Paläographen zugleich.

Joseph Markwart war zweifellos ein Mensch, der ein Lehen lang unentwegt nach der Wahrheit suchte und forschte. Für die Überlassung seines geistlichen Nachlasses bedankte sich der päpstliche Kardinalstaatssekretär Eugenio Pacelli, der nachmalige Papst Pius. XII, in einem Handschreiben an die Angehörigen des verstorbenen Gelehrten.

 
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